Dienstag, 10. Juli 2018
"Europa ist live erlebbar"
Am ersten Juniwochenende 2018 kamen in Straßburg mehr als 8000 junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren aus allen EU-Mitgliedsstaaten und weiteren europäischen Ländern rund um und im Europäischen Parlament zusammen. Das European Youth Event 2018 (EYE2018) ist eine Plattform zum internationalen Austausch und Dialog zwischen Jugendlichen zur Zukunft des europäischen Kontinents auf verschiedenen Gebieten. Die Europa-Union Hamburg e. V. vergab drei Stipendien an Teilnehmer*innen aus Hamburg, deren Erfahrungen im Folgenden geschildert werden.

David

 

"Es ist Donnerstag der 31. Mai, 22 Uhr. 30 junge Leute treffen sich am Hamburger Busbahnhof. Wir sind bunt gemischt, von Elftklässlern bis zu JEF-Veteranen, die langsam an der Altersgrenze kratzen. Es geht nach Straßburg, zum European Youth Event, dem wohl größten Jugendevent Europas – organisiert vom Europäischen Parlament.

Der Bus braucht viel länger als geplant. Aus dem Fenster kann man schweren Gewittern bei der Arbeit zugucken, am nächsten Morgen wird das Veranstaltungsgelände halb zerstört sein. Beides tut der Stimmung keinen Abbruch. Es herrscht Klassenfahrtstimmung, als junger Berufstätiger wird man bei all den Schülern ganz nostalgisch.

So wie wir begeben sich in diesen Tagen 9.000 andere junge Menschen aus allen Ecken des Kontinents nach Straßburg. Dieses Fest der Jugend lässt einen die europäische Vielfalt spüren wie sonst nie. Es steht für Europas Zukunft. Die Organisatoren bieten ein buntes Potpourri an Workshops & Podiumsdiskussionen zu vielen brennenden Themen wie Jugendarbeitslosigkeit, Freihandel, Terrorismus oder Brexit, aber auch zu Yoga oder Esperanto. Auf den Bühnen und hinter den Podesten stehen Menschenrechtler oder Politstars wie Tajani und Sonneborn genauso wie führende Köpfe vieler Jugendorganisationen – gerade auch von den Jungen Europäischen Föderalisten. Die JEF sind insgesamt stark präsent, Dutzende aus den verschiedensten Sektionen sind vor Ort. Die Vielfalt des Events bedeutet auch, dass das gesamte politische Spektrum Gesicht zeigt – der Front National ist vor Ort, eine junge Polin fordert in einer Podiumsdiskussion die Schließung der Grenzen. Die Grundstimmung des Events ist sonst – wenig überraschend – fröhlich, weltoffen & liberal.

Das seröse Parlamentsevent wird gemischt mit dem YO-Fest des Europäischen Jugendforums, der Dachorganisation der europäischen Jugend-NGOs, zu der auch die JEF gehören. Neben den für Festivals mittlerweile obligatorischen Foodtrucks stehen „Hubs“ genannte Pavillons. Zu Schwerpunkthemen wie Umweltschutz und Digitalisierung kommt man schnell mit den anderen Teilnehmern in Kontakt und wird zu Diskussionen angeregt. Konzerte und DJ-Sessions machen die Festivalatmosphäre komplett.

Auf dem Event schwirren gefühlt hunderte Sprachen um uns, junge Menschen mit den verschiedensten Hintergründen sind nach Straßburg gekommen. Europa ist live erlebbar. Die passende Kulisse: Straßburg, ein europäischer Schmelztiegel, deutsche Geschichte gemischt mit französischem Flair. Die gerademal 270.000 Einwohner zählende Stadt kommt uns manchmal wie überflutet mit den vielen Teilnehmern vor. Sie sind jedoch kein Fremdkörper. Zur Abschlussveranstaltung mischen sich unter tausende jungen Europäer noch mehr Straßburger – die Stadt schenkt Ihren Gästen zum Abschied ein Open-Air-Kino am Rhein. Hier zeigt sich der Zauber Europas ein letztes Mal, jetzt auch ganz pragmatisch: in Ermangelung von Getränkeständen nutzen wir die Europabrücke zum Besuch des nächsten Supermarkts: ein Edeka in Kehl. An der Kasse treffen wie einen alten Bekannten: Rainer Wieland hatte wohl eine ähnliche Idee."

Rosa

"In der Zeit vom 31.05. bis zum 03.06. bin ich mit der Reisegruppe der JEF Nordlichter nach Straßburg zum European Youth Event 2018 gefahren. Highlights der Reise waren in erster Linie der Besuch des Europäischen Parlaments und die dazugehörigen Workshops.

Kommunale Themen  europäisch diskutieren Weniger überrascht, aber sehr zufriedengestellt ging ich aus meinem ersten Workshop “Nachhaltige Stadtentwicklung“. Obwohl Städteplanung ein kommunal zu entscheidendes Thema ist, war es spannend das Problem „Autogerechte Stadt“ europäisch zu diskutieren. Wo konkret liegen die Probleme in Paris? In was für einer Stadt wollen junge Menschen in Ungarn leben? Brauchen wir ähnliche Maßnahmen in Hamburg, wie in Helsinki? Oder gar europäische Richtlinien? Die Lösung mag eine kommunale sein, das Problematisieren und das Formen von Visionen aber mindestens europäisch.  So lagen wir doch eng beieinander: Wir forderten Großstädte aus Quartieren, die vom motorisierten Individualverkehr befreit sind und eine massive Förderung der Fahrradinfrastruktur um die maximale Lebensqualität zu erreichen.

Das Erstarken der Besorgten Bürger*innen™ - Nicht nur in Deutschland Wo, wenn nicht in der Diskussion „Sicherheit und Freiheit - Gefährdet Terrorismus unsere individuellen Rechte?“? Unter all die europhilen Jugendlichen, die zusammenkamen um differenziert über die Sicherheitslage in den europäischen Staaten zu diskutieren, mischten sich auch einige Anhänger*innen des Front Nationale.  Außengrenzen schützen, Gefährder*innen abschirmen, Menschen ausgrenzen und diskriminieren. Einerseits war ich über die Präsenz und Dominanz mit der die jungen Europäer*innen den Plenarsaal einnahmen und den Diskurs verschoben, erstaunt und gelähmt, andererseits sehr bestätigt durch den Gegenstrom, den die links-progressive Mehrheit dem entgegen setzte.

Freund*innen treffen - JUNGE GRÜNE in Europa Im Zuge des Klimaschutz und Feminismus Workshops mit Terry Reintke habe ich einige Freund*innen des Dachverbands meiner parteilichen Jugendorganisation getroffen. Auch wenn das EYE eine partei- und positionenübergreifende Veranstaltung war, haben doch viele innerhalb ihrer Kreise Menschen wieder treffen und die gewonnenen Ideen in ihre Verbände tragen können.  

Zusammen ein europäisches Narrativ schaffen oder warum das EYE nicht nur Selbstdarstellung des EPs ist. Europa ist nicht nur La-Ola-Welle im EP und glänzende-Fahnen-schwenken, auch wenn es manchmal den Eindruck erweckt.

Meiner Meinung nach haben die Organistor*innen den schmalen Grad zwischen Europäischem Feeling und der Kritikwürdigkeit des europäischen StatusQuos erreicht. Für Jugendliche deren „erster Kontakt mit Europa und Europäischen Events“ das EYE war, wurde ein positives Narrativ rund um die Europäische Union geschaffen, andere haben die Diskussionsrunden ausgereizt und wieder andere Ansporn für ihre proeuropäische Arbeit gefunden. In Zukunft muss das Einbinden von weniger privilegierten Jugendlichen umgesetzt werden, doch ansonsten war das EYE eine bereichernde Fahrt mit einer netten Gruppe."

Jacob

"Anfang Juni kamen über 7000 junge Erwachsene aus ganz Europa in Straßburg zusammen, um das Parlament zu besuchen, an Workshops teilzunehmen, über Politik zu diskutieren, um alte Freunde zu treffen und um neue Freunde zu finden, um Europa zu feiern und einfach ein schönes Wochenende zu verbringen.

Da ich selber für die JEF Seminare und Veranstaltungen, oft auch mit internationalen Teilnehmern, organisiere, war ich besonders gespannt wie so ein gigantisches Festival abläuft. Vor Beginn des Festivals hatte ich bereits aus dem sehr vielfältigen Angebot Seminare und Events herausgesucht, die mich interessieren. Das Programm war sehr auf die Bereiche Nachhaltigkeit, Gender Equality und Politik im Zeitalter der Digitalisierung ausgelegt, allerdings war die ganze Bandbreite der aktuellen politischen Themen vertreten.

Nach langer Busfahrt mit vielen Staus und Baustellen kamen wir Freitagvormittag bei strahlender Sonne in Straßburg an. Nach der Akkreditierung ging es endlich auf das Gelände, wo das große Wiedersehen begann. Nach drei Jahren europäischer Jugendarbeit hat man diverse Kontakte geknüpft, Bekanntschaften gemacht und Freunde gefunden – und viele von ihnen waren auch in Straßburg. Im Laufe des Wochenendes habe ich so viele Menschen wieder getroffen und neu kennen gelernt, viel über Politik diskutiert, dutzende Ideen für Projekte ausgetauscht und einige bereits in Angriff genommen. Das Youth Festival bietet im Parlament und auf dem Gelände drumherum viele Möglichkeiten, sich kurz mit ein paar Leuten und einem Laptop zurück zu ziehen und zu planen, und wenn man fragen hat oder Hilfe braucht, sind die passenden Experten und Workshops nicht weit. Das war wahrscheinlich das produktivste Festival, auf dem ich je war.

Im Laufe des Freitags haben wir das Parlament besucht, an der Eröffnungsveranstaltung teilgenommen und die ersten Seminare besucht. Abends gab es dann Kulturprogramm auf dem Festivalgelände.

Samstagmorgen ging es dann gleich mit Seminaren weiter. In einem interessanten und sehr interaktiven Seminar wurde über die Zukunft des Internets diskutiert, besonders mit Blick auf einen europäischen Rahmen für Regulierung. Besonders spannend war, dass es anscheinend eine Art Generationenkonflikt gibt. Die etwas „älteren“ Teilnehmer und auch die Organisatoren des Seminars haben noch eine romantische Vorstellung vom „freien“ und anonymen Internet, während die jüngeren Teilnehmer klar für mehr Regulierung und Überwachung plädieren.

Mittags wurde dann fieberhaft nach der besten Kantine im Parlament gesucht, die endgültige Entscheidung steht noch aus.

Während die meisten anderen an der Abschlussveranstaltung teilgenommen haben, habe ich durch Zufall in der hinterletzten Ecke ein interessantes Seminar zu den neuen Möglichkeiten der Gentechnik (CrisprCas etc.) und die politischen und ethischen Konsequenzen entdeckt. Eine Gruppe junger Naturwissenschaftler hat in einem kurzen Vortrag erzählt, was bereits technisch möglich ist und was in den nächsten Jahren auf uns zu kommt. Die relativ offene Frage wie Politik und Gesellschaft mit dieser neuen wissenschaftlichen Revolution umgehen sollte, führte zu einer hitzigen und ausgiebigen Diskussion, die am Ende vom Hausmeister beendet wurde, der gerne endlich Feierabend machen wollte. Als einziger Sozialwissenschaftler in einem Raum mit Naturwissenschaftlern ist mir wieder bewusst geworden, wie wenig Austausch es zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen gibt, ein Missstand, den wir am besten auf europäischer Ebene beheben sollten.

Am Abend haben wir uns noch mit der JEF France in einem Outdoor Club (man könnte auch Biergarten sagen) getroffen – und wie immer mit der JEF France bis in die frühen Morgenstunden geredet, geplant, getrunken und getanzt. Sonntag ging es dann in aller Frühe zurück Richtung Hansestadt.

Das Wochenende war für mich ein voller Erfolg – viel Networking, spannender inhaltlicher Input, eine großartige Gruppe und endlich Mal die Möglichkeit das Europaparlament von innen zu sehen."

 

 

 


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