Donnerstag, 12. Juli 2018
Europa lesen. Hamburger Autorengespräche" mit FAZ-Korrespondentin und Buchautorin Michaela Wiegel
Am 19. Juni 2018 stellte Michaela Wiegel, FAZ-Korrespondentin in Paris, ihr kürzlich erschienenes Buch "Emmanuel Macron: Ein Visionär für Europa - eine Herausforderung für Deutschland" im Gespräch mit der Moderatorin Isabelle Maras, Senior Fellow am Centre international de formation européenne der Hamburger Öffentlichkeit vor. In ihrem Buch komplettiert Michaela Wiegel das bisherige Bild des Franzosen und erklärt, was er sich in der engen Zusammenarbeit mit Deutschland erhofft – und was er von Europas führendem Mitglied erwartet.

Trotz strahlendem Sonnenschein und Vorrundenspiel des Gastgebers der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft lockte der Austausch über den mächtigen Mann an der Spitze unseres Nachbarlandes und über seinen Optimismus für die Zukunft Europas ein interessiertes Publikum in die Buchhandlung boysen+mauke im Johanniskontor.

Nach einer kurzen Vorstellung der Vita unseres Gastes, Frau Michaela Wiegel, die mit über 20 Jahren Berufserfahrung als Journalistin in Frankreich, die Eindrücke mehrerer Präsidentschaften, Regierungen und auch politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen unmittelbar sammeln konnte, ging es zunächst um den Hintergrund des Buches bzw. um die Frage, wie das Interview, das Emmanuel Macron ihr exklusiv gegeben hat und das eine Basis für das Werk bildet, zustande gekommen sei. Als ein Grund hierfür kann vor allem wohl die Neugier auf Seiten der Journalistin genannt werden. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen überwogen vor allem die Sorge um die Zukunft Frankreichs und der drohende Wahlerfolg der Rechtspopulisten, die das Interesse für den jungen, rätselhaften Präsidentschaftskandidaten entfachten. Doch auch als sich ein Gewinn Macrons abzeichnete, blieben die Zweifel, ob er auch eine parlamentarische Mehrheit hinter sich versammeln könne und auch die Erwartung, wie er später einem Vergleich seiner Positionen vor seiner Wahl und nach Amtsantritt standhielte. Aus dem Antrieb heraus, mehr über ihn wissen zu wollen und ihn besser verstehen zu können, entwickelte Michaela Wiegel einen intensiven Austausch, auch zu Personen aus seinem direkten Umkreis, wie beispielsweise dem ehemaligen französischen Botschafter, Philippe Etienne. Auch Emmanuel Macron sei es allerdings ein Bedürfnis gewesen, eine guten Kontakt und einen direkten Austausch mit deutschen Journalisten*innen zu pflegen, da ihm die Beziehung zu Deutschland sehr wichtig sei. So sei es nach einem nicht unkomplizierten Terminfindungsprozess schließlich zu einem Empfang und einem Interview in den pompösen Räumlichkeiten des Elysée-Palastes gekommen.

Im weiteren Verlauf des Gespräches, zeichneten Isabelle Maras und Michaela Wiegel die Gliederung des Buches nach, wobei die Autorin ihre Erläuterungen an verschiedenen Stellen durch das Vorlesen von Auszügen aus ihrem schriftlichen Werk vervollständigte. Den Auftakt bildete dabei die Schilderung der Kinder-, Jugend und (Aus)bildungsjahre des französischen Präsidenten. Für das sicherlich hochbegabte Kind Emmanuel Macron sei seine Großmutter eine wichtige Bezugsperson gewesen, bei der er viel Zeit verbracht und zu der er einen sehr engen Kontakt gehabt habe. Dieser Umgang und viele Gespräche generell mit dieser kriegserfahrenen Generation hätten ihn und viele seiner Sichtweisen entscheidend geprägt. Besonders seinen Zugang und seine Affinität zu Deutschland sei durch anfänglich durch die Literatur entstanden, die seine Großmutter ihm empfohlen habe und die bemerkenswerterweise immer auf eine Versöhnung mit den deutschen Nachbarn setzte.

Darüber hinaus zeichnete sich Emmanuel Macron schon sehr früh durch seinen bis heute anhaltenden philosophischen Background aus. So sei neben seiner literarischen Bildung auch seine Mitarbeit bei dem französischen Magazin Esprit zu erwähnen, die in seiner Laufbahn, die eigentlich einer klassischen „Königslaufbahn“ französischer Politiker entspreche,  das besondere Etwas darstelle, da sie über einfachen Erfolg, den er sowieso gehabt habe, hinausgegangen sei. Zu dem Extra gehöre dabei auch seine Beziehung zu und seine Erfahrung mit dem ihm zunächst selbst unbekannten zeitgenössischen französischen Philosophen Paul Ricœur, dessen Grundphilosophie „en même temps“ (sowohl als auch) – der Versuch, die Argumente des Gegenüber zu verstehen und in die eigene Position aufzunehmen- er stark verinnerlicht habe und die seine Politik charakterisiere. Außerdem zu erwähnen sei der `doppelte Zeitgewinn` Emmanuel Macrons, den er zum einen durch die eigene Kinderlosigkeit und zum anderen durch den Verzicht auf eine zuerst lokale Wahlkarriere erworben und den er zum Lesen und Nachdenken genutzt habe. Dieser Umstand habe dazu geführt, dass er in seinen Ansichten, vor allem als Politiker, sehr gefestigt sei.

Im Hinblick auf die besondere Beziehung zu Deutschland griff Isabelle Maras eingangs die Frage auf, ob Emmanuel Macron zwischenzeitlich enttäuscht sei, da sein Bild von Deutschland durch die Literatur entstanden und deshalb idealisiert sei und sich ihm nun die Differenz zwischen seiner Vorstellung und der Realität offenbare. Michaela Wiegel ist der Überzeugung, dass es gerade momentan zwar Umstände gebe, die an seinem Bild von Deutschland rüttelten, wie beispielsweise die schwierige und langwierige Regierungsbildung nach den Bundestagswahlen oder innere Streitigkeiten, die aber dennoch nicht zu einer Entfremdung seinerseits führten. Im Gegenteil sei mit ihm an der Spitze eine neue Generation an der Macht, die einen anderen Zugang, einen verkopften, zu Dingen und ein ungewöhnlich reifes Verständnis für die Bundesrepublik hätte. Es sei ein Anliegen, aus bisherigen Denkmustern auszubrechen, die speziell auf der Annahme ruhen, Deutschland schulde Frankreich etwas und habe (finanziell) etwas wieder gut zu machen; andererseits sei es auch wichtig, die deutsche Seite zur Abkehr von der stetigen Frage nach den eigenen Kosten zu bewegen. Ein (weiteres) herausstechendes Merkmal in Macrons politischer Vorgehensweise sei seine Besetzung wichtiger Posten mit germanophilen Personen, die oft nicht nur selber eine besondere Beziehung zu Deutschland haben, sondern darüber hinaus fließend die deutsche Sprache beherrschten und davon in Ausübung ihrer Position Gebrauch machten, was wiederum das deutsch-französische Verhältnis auf eine andere Ebene setze. Abzuwarten bleibe allerdings, ob sich dadurch auch auf lange Sicht in diesem Aspekt etwas verändere.

Einen weiteren großen Raum des Gespräches sowie auch des Buches nahm das Thema Europa bzw. Europäische Union, spiegelbildlich zu Macrons politischer Schwerpunktsetzung ein. Passenderweise fand am gleichen Tag wie „Europa lesen“ der deutsch-französische Ministerrat statt, bei dem es um die akuten Probleme der EU gegangen sei und bei dem Emmanuel Macron erneut betont habe, dass die Beziehung zu Deutschland mitunter am wichtigsten für Frankreich sei, vor allem aber in der europäischen Verankerung. Michaele Wiegel habe erfahren, dass der französische Präsident nicht an die Auflösung oder Überwindung der Nation glaube, dafür aber an die Kraft der EU als einzigartiges Gebilde.  Da Nationalstaaten allein immer weniger ausrichten könnten, in Bereichen wie Klimawandel, Digitalisierung oder Migrationsströmen, sei seine Vision, die europäische Schicksalsgemeinschaft weiter zu vertiefen, die einzige vernünftige Lösung. Die Autorin hob bei dieser avisierten Vertiefung vor allem drei Aspekte der Politik Macrons hervor. Erstens plädiere er für ein eigenes Eurozonenbudget. Des Weiteren wolle er die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, vor allem den Verteidigungsbereich ausbauen. Ein dritter Punkt sei die Stärkung der Solidarität, bei der er aber beispielsweise keine Vergemeinschaftung der Schulden anstrebe.

Insgesamt wolle er wieder Bewegung in den europäischen Prozess bringen und zeigen, dass die europäische Gemeinschaft ein Erfolgsprojekt ist und funktioniert. Er setze dabei auf ein differenziertes Europa, auf ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Der literarische Abend schloss mit diversen Fragen aus dem Publikum, die sich u.a. um die Innenpolitik Macrons oder auch mit dem Blick auf potentielle Krisenherde drehten. Sollten Sie an den einschätzenden Antworten der FAZ-Korrespondentin Michaela Wiegel interessiert sein oder an weiteren Details zu den vorherigen Erläuterungen, können Sie sich ganz bequem einen Mitschnitt der Veranstaltung auf unserem Öffnet externen Link in neuem FensterYoutube-Kanal ansehen.


Weitere Meldungen aus den Bereichen: Hamburg, Veranstaltungen
Empfehlen Sie diesen Artikel weiter:
| bei weiteren Diensten